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Nr. 203, 2020, Feb. / März Inhalt
 
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Astro-logische Merk-Würdigkeiten
 

Wer bin ich?
 
von Barbara Egert
 


 

Noch nie war es so einfach, eine Antwort auf das uralte «Wer bin ich?» zu finden. Man befragt das Internet – und schon ist man von Ratgebern umzingelt. Alle reden auf einen ein, jeder sagt etwas anderes, doch keiner versteht einen wirklich. Was also tun? Wie wäre es mit dem Buchladen um die Ecke? Gibt es den überhaupt noch? Schon, aber sehr viele Ecken müssen umrundet werden, bis man ihn gefunden hat. Endlich! Man öffnet die Tür und betritt eine längst vergangene Zauberwelt. Es duftet nach gedrucktem Papier, und aus dem Schatten der Regale tritt eine Gestalt, von der man meint, man könne sich ihr anvertrauen, da sie die Welt zu kennen scheint. Zumindest die der Bücher. Zumindest? Wo, wenn nicht in Büchern kann man sich finden?

Ein so konventionelles «Sie wünschen?» hätte ich nicht erwartet. Was aber dann? Etwa, dass endlich jenes einzigartige, alle Fragen beantwortende Buch, das man seit Ewigkeiten sehnsüchtig erwartet, wie durch ein Wunder auf einen zuschwebt? Einfach so und ohne einen Vermittler? – Die Begrüssung ist freundlich, fast ein wenig zu freundlich, und ich ahne auch warum. In diesem Laden ist schon seit Langem kein Kunde mehr gewesen. Wird sich mir hier enthüllen wer ich bin oder aber eher – mein astrologischer Spürsinn ist geweckt! – warum der Besitzer sein sinkendes Schiff nicht längst verlassen hat und seine Schätze im «Friedhof der vergessenen Bücher» von ihrer Auferstehung träumen lässt? Ich ahne Pluto, der von Bindungen besessen auch dann noch nicht loslassen kann, wenn schon der Pleitegeier über ihm kreist. Oder ist alles viel fundamentaler, ja zwanghaft, und mein Buchhändler verfolgt plutonisch wie einst Kapitän Ahab seinen inneren Dämon in der Gestalt des weissen Wals? Vielleicht sucht er ja wie «Der alte Mann und das Meer» noch den Sieg in der Niederlage? «Man kann vernichtet werden, aber man darf nicht aufgeben!» Der Strom scheint abgeschaltet. Eine Kerze flackert im «Schatten des Windes», und im Zwielicht meine ich die dunkle Mondgöttin Lilith gesehen zu haben. Ist ihre magische Kraft grösser als sein Unvermögen, sich endlich beruflich zu verändern und vielleicht sogar mit Merkurs Hilfe einen nicht ganz legalen Handel mit gebrauchten E-Books aufzubauen?

Aber bin ich etwa hier, um das astrologische Profil dieses antiquierten Antiquars zu ergründen, der wie der «Fliegende Holländer» dazu verdammt scheint, bis zum jüngsten Tag mit seinem Gespensterschiff auf dem Meer unverkäuflicher Bücher umherzuirren? Er tut mir leid, also frage ich ihn nach den «Zwölf kosmischen Prüfungen» von Dane Rudhyar. Er grübelt laut, er grübelt leise, und ich spüre schon, wie meine harmlose Frage weder ihn noch sein sinkendes Schiff retten wird. Jeder möchte erlöst werden: er vor dem Ruin und ich endlich von immer neuen maritimen Metaphern. Da weder er mir noch ich ihm helfen kann, wird jeder allein seinen Weg finden müssen.

Und wo führt meiner hin? Im neptunischen Nebel vergisst man sogar, was man eigentlich so dringend wissen wollte. War nicht «Wer bin ich?» die entscheidende Frage? Ich verbünde mich mit der Intuition, doch die meint bedauernd, ich hätte ihn nach dem «Kybalion» statt nach Rudhyar fragen sollen, denn dann wäre vielleicht der Geist des Hermes Trismegistos auf uns herabgeschwebt, hätte sich als Merkur zu erkennen gegeben, dies Buch der verborgenen Weisheit herbeigezaubert und sogar signiert! Wenn man nur zuliesse, dass die Dinge sich assoziativ ereigneten, anstatt ihnen dies als «unsaturnisch» zu verbieten, wäre auch Venus glücklich, denn erst Beziehungen ermöglichen ja, dass alles immer mehr als nur ein bisschen miteinander zu tun hat: «Wie oben, so unten, wie rechts, so links». Da aber unter meinem derzeitigen Neptun-Transit alles zerfliesst, löst sich leider auch meine Hoffnung auf, hier könnte noch etwas duftend aus den Büchern aufsteigen, was meine uralte, ewig neue Frage, wer ich bin, enträtseln würde.

Und leider zerfliesst vorläufig alles auch noch ziemlich rückläufig. Allerdings, wenn man sich mit Neptun treiben lässt, vergisst er manchmal seine Nebelmaschine anzukurbeln und schaut schweigend ins Transparente: «Du bist Orplid, mein Land! Das ferne leuchtet.» Ich folge seinem Blick: Endlich Hoffnung in Sicht. In weiter Ferne schimmern tibetische Berge. Zurück also zu den Quellen! Nun denn, ich verschliesse alle Bedenken im Tresor des Unbewussten und begebe mich auf eine lange innere Reise.
 


Barbara Egert, geprüfte Astrologin DAV, jahrzehntelange Astrologieerfahrung; Bücher: «Astro-logische Merkwürdigkeiten – Kolumnen» (2017, nur bei Amazon erhältlich), «Wenn die Kindheit Schatten wirft: Beziehungen, Hochsensibilität, Narzissmus» (2014), «Hochsensibilität im Horoskop» (2012), «Krisen im Horoskop erkennen» (2011), «Kindheitserfahrungen im Horoskop» (2009); ständige Mitarbeiterin von ASTROLOGIE HEUTE, E-Mail: Barbara Egert

 

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