HOME ASTRODATA BÜCHER SFER
klicken Sie um das Bild zu vergrössern
Nr. 203, 2020, Feb. / März Inhalt
 
Aktuelles Heft
bestellen

 
Jahresabonnement oder Probeabonnement bestellen
 
Frühere Hefte bestellen
 
Artikel drucken

I N    M E M O R I A M

 

Noel Jan Tyl  
 
31. Dezember 1936 – 31. Dezember 2019

von Claude Weiss

Noel Tyl war eine eindrückliche Erscheinung. Jemand, den man nicht so schnell vergisst, wenn man ihm begegnet ist. 2.08 Meter gross und vor seiner astrologischen Karriere Opernsänger mit Auftritten an vielen amerikanischen Opernhäusern, aber auch an der Wiener Staatsoper und der Deutschen Oper in Düsseldorf, war er durch seine sonore Bassstimme von Weitem hörbar, und seine Wirkung auf Gesprächspartner und Publikum blieb nicht aus. Dabei hatte er auch aufgrund seines Wissens und seiner Führungs­erfahrung einiges vorzuweisen. An der Harvard University hatte er Psychologie, Soziologie und Anthropologie studiert, wobei er mit seinen musikalischen Fähigkeiten gleich zu Studienbeginn dem Uni­ver­si­täts­chor beitrat, um zwei Jahre später dessen Manager zu werden. Eine Funktion, die er zusätzlich mit der Leitung der täglichen Zeitung der Harvard University kombinierte. Bei solch steiler Karriere bereits zur Stu­dienzeit muss es nicht ­erstaunen, dass Tyl nach dem Studien­abschluss schon im jungen Alter von 21 Jahren in Texas die betriebswirtschaftliche Leitung der Houston Grand Opera übernahm. Stimmlich bildete er sich weiter, und dies führte 1964 zur Aufnahme an der Metropolitan Opera, womit Tyls Opernsängerkarriere begann.

      
 
 
Noel Tyl am Weltkongress im Mai 1996 in Luzern
(© Astrologie Heute/bzi)
   

Als ich Noel Tyl 1980 am Kongress der AFA (American Federation of Astrologers) in New Orleans kennenlernte, hatte er seine Bühnenkarriere zunächst beendet, auch wenn er später vereinzelt noch weitere Auftritte hatte. Er war Astrologe geworden und lebte damit ein Interesse aus, das bereits Ende der 1960er-Jahre erwacht war, wobei er als ausgebildeter Psychologe die Astrologie mit der Psychologie verband. Auch auf dem Gebiet der Astrologie hatte er keine Zeit verloren. Von 1973 bis 1980 hatte er bereits 16 Astrologiebücher geschrieben, im Gesamtumfang von zirka 3000–4000 Seiten. Bis zu Noels Lebensende sollten noch weitere Bücher in ähnlicher Zahl hinzukommen.

Von solcher Produktivität wusste ich noch nichts, als ich 1980 Noel Tyl begegnete. Ich erlebte ihn aber als beeindruckende Persönlichkeit. Er gehörte zusammen mit Marion March zu den führenden Astrologen der AFA, und beide zählten, zusammen mit anderen, zu den Leitfiguren, die zwei Jahre später die Folgeorganisation AFAN (Association for Astrological Networking) gründeten, die die AFA in ihrer Bedeutung wenige Jahre später ablöste. Von der Gruppe um Noel Tyl und Marion March ging bereits damals eine derartige Energie und In­spiration aus, dass unser Schweizer Team, das die AFA-Konferenz besuchte und aus Bruno und Louise Huber sowie mir bestand, kurzerhand beschloss, zusammen mit der anregenden Gruppe amerikanischer Astrologen, mit denen wir soeben Freundschaft geschlossen hatten, im nächsten Frühjahr in Zürich den 1. Astrologie-Weltkongress durchzuführen. So kann man sagen, dass Noel Tyl, zusammen mit anderen, dem ersten unserer Ast­rologie-Weltkongresse Pate stand. Dabei hatten wir in keiner Weise die Am­bition, an die Teilnehmerzahl des AFA-Kongresses von zirka 2000 heranzukommen, waren aber dann doch recht erstaunt, mit dem 1. Weltkongress zu Ostern 1981 in Zürich über 1000 Astrologinnen und Astrologen anzuziehen.

Auch danach war Noel Tyl bis 2000 an unseren Kongressen ein gerne gesehener Referent. Mit seinem Tod wird mir bewusst, dass von der damaligen Gruppe, die der Astrologie im deutschsprachigen Raum neue Impulse vermittelte, nach dem Tod von Marion March, Bruno und Louise Huber und nun Noel Tyl nur noch Ueli Sauter und ich übrigbleiben. Umso wohltuender war die Er­fahrung des kürzlich organisierten Kongresses «Reset Astrology – Auftakt zu einer neuen Ära» [siehe S. 18], welcher von seiner Resonanz her den Geist der vor bald 40 Jahren gestarteten Astrologie-Weltkongresse in gewisser Weise wieder aufleben liess.

klicken Sie um das Bild zu vergrössern   

 
Noel Tyl

31. 12. 1936, 15:57 LT, 20:57 GT
West Chester/PA, USA (39N58, 75W36)
Koch (GZQ: Astro-Databank, A)

 
   

Was mich bei Noel Tyl immer beeindruckte, war – neben seiner enormen Schaffenskraft – seine Bereitschaft, sein Radixhoroskop nicht nur zu zeigen, sondern auch selbst vorzustellen und zu diskutieren, wie wenn es sich um das Horoskop einer fremden Person handeln würde. *1

Der spätere Verlauf des Lebens von Noel Tyl verlief allerdings weniger fulminant als der Anfang, und es reihten sich, insbesondere ab der zweiten Saturn-Rückkehr, einige gesundheitliche Probleme aneinander, die Noels Lebensqualität etwas eintrübten. Sie hinderten ihn allerdings nicht daran, weiter aktiv Kurse zu geben und Öffentlichkeitsarbeit für die Astrologie zu leisten, was auch darin gipfelte, dass Noel Tyl bei der UAC-Konferenz des Jahres 1998 den Regulus Award für seine Verdienste im Bereich der astrologischen Öffentlichkeitsarbeit erhielt. Zu jener Zeit erschien auch das Buch zu Noels neuem Steckenpferd, nämlich seiner Auseinandersetzung mit Gesundheit und Krankheit: Astrological Timing of Critical Illness. Diesem folgten ab 2000 über ein halbes Dutzend weiterer Werke, wozu auch der 800-seitige Leitfaden Synthesis and Counselling in Astrology – The Professional Manual zählt.

Mit dem Tod von Noel Tyl nach bereits länger dauernder Krankheit verliert die astrologische Gemeinschaft einen durch sein Wissen, die Prägnanz seines Ausdrucks und sein Engagement für die Astrologie hochgeschätzten Kollegen, der im Umgang sehr liebenswürdig war und viel Teamgeist zeigte. Er gehört zu den grossen Figuren der internationalen Astrologieszene der letzten 50 Jahre. Es war mir eine Freude, durch die Herausgabe von zwei Büchern Noel Tyls in deutscher Sprache zu seiner Bekanntheit in Europa beizutragen.
 

Auf Deutsch sind von Noel Tyl folgende Bücher erschienen:

Ganzheits-Astrologie. Das Horoskop als Gesamtschaubild des Menschen, Ebertin-Verlag, 1984 (1980).

Uranus, Neptun und Pluto im persönlichen Erleben, Edition Astrodata, 1994 (1992).

Sexualität im Horoskop, Edition Astrodata, 1995 (1994).
 

Fussnote
*1 Wer sich dafür interessiert und des Englischen mächtig ist, kann auf dieser Website die Leseprobe abrufen, die für Noel Tyls Buch «Solar Arcs – Astrology’s Most Successful Predictive System» (2001) zur Verfügung gestellt wird. Auf den Seiten ab 64 wird detailliert beschrieben, welche zeitlichen Auslösungen in Noels Horoskop welchen Ereignissen ab der Kindheit und bis ins reife Erwachsenenalter entsprachen. Und dies geschieht auf offene und schonungslose Weise.

 


Claude Weiss, beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Astrologie; Herausgeber der Zeitschrift ASTROLOGIE HEUTE; gründete 1978 die Astrodata AG, welche astrologische Textanalysen anbietet; Präsident des Schweizer Astrologenbundes (SAB) von 1987 bis 2019; gefragter Referent an internationalen Kongressen; Bücher: «Warum wir uns inkarnieren», «Horoskopanalyse» Bd. 1 & Bd. 2 (Bd. 2 neu überarbeitet und erweitert), «Karmische Horoskopanalyse», Bd. 1 & Bd. 2, Mitautor der Bücher «Pluto – Eros, Dämon und Transformation», «Die Lilith-Fibel», «Wendezeit 2010–2012», «Visionen einer neuen Zeit», E-Mail: Claude Weiss


 

 

zurück